Treffer Bewerten

Trefferwahrnehmung ist eine wesentliche Fähigkeit in unserem Spiel!

Der Getroffenen entscheidet: Was ist ein Treffer, was nicht. Aus dieser simplen Regel resultieren einige Effekte, die wir als Spielende kennen sollten. Nur so kannst du deine Wahrnehmung stärken, Treffer gut erkennen und einordnen, fair spielen und Fehler vermeiden. Letztlich ist die Frage, wie du kämpfst und welche Ziele du erreichen willst, für Kämpfende eine Frage der Qualität: Treffer gut wahrzunehmen und zu beurteilen, welche Effekte gerade wirksam geworden sind.

Der wohl vermeintlich natürliche und offensichtliche Mechanismus ist die Selbstregulierung des getroffenen Werdens. Wer einen Treffer nicht nimmt, hat ihn wohl nicht gespürt, also muss ich fester treffen. Daraus resultiert vermeintlich, dass alle bereit sind, ihre Treffer zu nehmen, damit sie nicht härter getroffen werden. Eine Art Bestrafungsmechanismus. Hm …

Nur dass eben so das Spüren von Treffern nicht funktioniert. Es gibt die immerwährende allgegenwärtige Wahrnehmung von Berührungen nicht. Und die Logik erzeugt Fehler, denn: Es können damit auch Bestrafungen auf Situationen folgen, in denen Treffer aus anderen Gründen nicht wahrgenommen worden sind als mangelnde Deutlichkeit. Ebenso tritt Härte auch dort auf, wo sie nicht absichtsvoll erzeugt wurde und aus Fehleinschätzungen oder Ungeschick entstanden ist. Und zu guter Letzt ist Härte eine Empfindung, die nicht direkt aus Druck auf der Haut resultiert, sondern sich aus vielen Faktoren zusammensetzt.

Zum einen sind dort die Physikalischen Faktoren, deren Wirkung uns zumeist bekannt, aber selten bewusst sind: die Masse des aufschlagenden Gegenstandes, die Fläche des Aufschlags, die Geschwindigkeit des Aufschlags, die Polsterwirkung von verschiedenen Rüstungen etc. Ich empfehle den Selbstversuch auf dem eigenen Oberschenkel; da hat man gerade bei Schlagwaffen schon mal eine Idee. Sich mit der eigenen Waffe von jemandem treffen zu lassen, ist die Empfehlung bei Langwaffen, die sonst keinen anderen Eindruck bei einem selbst hinterlassen als das Handling.

Dann gibt es die Psychologischen Faktoren, deren Wirkung wir uns teilweise vorstellen können; aber in einem Gefecht bedarf es der aktiven Bewusstwerdung, um sie einzubeziehen. Dies wiederum erfordert Erfahrung und Kapazität. Wir können uns diese Faktoren auch nur insoweit vorstellen, als wir sie aktiv beobachtet oder erlebt haben. Ich unterscheide Stressfaktoren und Wahrnehmungsfaktoren. Stressfaktoren sind: Furcht oder Erschrecken, zum Beispiel durch Druckerlebnisse im Kampf gegen viele oder bessere oder einen unerwarteten Angriff. Wahrnehmungsfaktoren sind Überlastung oder Ablenkung, zum Beispiel bei einem Aufmerksamkeitsfokus-Tunnel oder bei einem Moment des Wuseligen.

Des Weiteren ist zu bedenken, dass diese Faktoren auf beiden Seiten wirken. Die Treffenden können ebenso physikalischen und psychologischen Fehleinschätzungen unterliegen wie die Getroffenen. Immer wieder werden Treffer falsch eingeschätzt, gerade wenn beide sich aktiv bewegen, da sich die Bewegungen je nach Richtung addieren oder eben nicht. Oft passiert es, dass beide Seiten in einem wilden Durchbruch einer Linie unter Stress stehen.

Ich weiß nicht, welche Treffer ich nicht genommen habe, weißt du das etwa?

Regeln geben vor, was als Treffer gewertet wird und was nicht; dennoch bleibt immer ein Interpretationsspielraum. Die folgenden Aussagen sind alle passend für das Regelwerk, aber worum geht es dir? Das war nur ein Streiftreffer vom Speer, kein richtiger Stich. Der Speer war nur hinter meinem Schild, aber nicht an meinem Körper. Der Treffer war etwas später als meiner. Die Schulter beginnt erst mit der T-Shirt-Naht, das war noch auf der Armkugel.

Mein Anspruch ist es so zu kämpfen, dass ich nicht getroffen werde. Gar nicht, auch nicht außerhalb der Trefferzonen. Also mindestens beim Training gebe ich mir Mühe, gelassen wie eine Hindu Kuh zu sein, was das Treffernehmen angeht. Diese Einstellung kann ich dann im Wettstreit auch nicht einfach ablegen und das finde ich gut. Das heißt konkret: Im Zweifel nehme ich erst mal alles und gebe den anderen Rückmeldung. Bei einem sehr deutlich außerhalb der Trefferzone gelandeten Treffer sage ich das nur an. Bei einer Grenzsituation gehe ich raus. Sprich, wenn ich darüber nachdenke, ob es ein Treffer gewesen sein könnte, war es einer. Denn zumindest von mir war die Situation nicht sauber überblickt und kontrolliert. Da viele in unserer Gruppe das ähnlich halten, ist es gute Sitte, einen selbst gesetzten unpassenden Treffer anzusagen und ums ignorieren zu bitten. Dann geht's weiter und man kann es besser machen. Meist gehe ich mit dem Nehmen von Treffern noch einen Schritt weiter und erkenne alles an, was meine Deckung erkennbar durchbrochen hat, auch wenn ein treffender Kontakt nicht zustande gekommen ist. Zum Beispiel, wenn ein Speer deutlich hinter meinem Schild gekommen ist. Der andere kann mich ja bitten, den Treffer nicht zu nehmen. Ich würde das tun, denn mein Anspruch ist es, meine Treffer genau und sauber zu setzen.

Ich freue mich über jeden Treffer, egal ob der andere ihn nimmt oder nicht.

Rückmeldung zu erhalten, ist die Voraussetzung für Lernfortschritt und eine für das Entstehen einer Übereinkunft in der Sichtweise auf das Spiel.

Bei uns in der Gruppe haben wir für die Härte eines Treffers eine Regelung, die der Headshot-Regel gleicht. Ein zu harter Treffer = eine Runde raus. Auch hier ist es so, dass die Getroffenen entscheiden, was zu hart ist. Diskussionen sind dabei unüblich. Wir haben dafür ein Ampelsystem, um die Härte während des Fechtens kurz zu kennzeichnen.

Grün steht für: Alles gut, mach weiter.
Gelb steht für: Einen Treffer, der grenzwertig war. Bitte vorsichtiger und umsichtiger werden.
Rot steht für: Das war unpassend. Du bist direkt raus und setzt eine Runde aus.
Zudem gibt es noch: Ultra-Grün / Glitzer-Grün steht für: Das war ein wunderbarerer Treffer, bei dem es ein Genuss war ihn zu erleben. Danke!

Treffer können nicht nur ihrer Härte wegen grenzwertig sein oder im Sinne der Regel an der Grenze von Trefferzonen, sondern auch gefahrvoll oder von der verletzungs warscheinlichkeit grenzwertig. Dabei geht es um Treffer an Kopf, Gelenken oder Genitalien – auch wenn letztere Teil der Trefferzone sind, gilt es diese zu vermeiden. Wir sollten uns einig sein, dass es auch zu vermeiden ist, unbotmäßig, gefahrvolle ausgeführte Bewegungen auszuführen. Ob absichtsvoll oder unabsichtlich spielt dabei keine Rolle, denn es gilt die Waffe zu beherrschen. Das Unbotmäßige betreffend sind wir uns einig, dass wir durch unsere Effektivität und nicht durch unser gefährdendes Verhalten die Kämpfe für uns entscheiden wollen. Das Aufhalten von Kontrahenten durch die Bedrohung des Gesichts, was ja letztlich die Bedrohung mit Verletzung oder doch mindestens durch nicht regelkonforme Treffer ist, passt zumindest nicht zu unserer Fechtkunst. Ebenso der schnelle Bedrohungswechsel der Schultern vor dem Gesicht lang. Im Grunde wollen wir, dass sich das Gegenüber jederzeit wohlfühlt, während wir es niederkämpfen. Was beim Gegenüber als zu gefahrvoll ankommt, überlassen wir ebenso der Person, die wir zu treffen versuchen, genau wie bei der Treffer-Härte. Ebenso nutzen wir hier das Ampelsystem.

Wenn dir das reicht!

Wir fechten mit Sportgeräten, die historischen Waffen nachgebildet sind. Aus der historischen Form ergibt sich eine Funktionsweise, die wir auch in der Führung unserer Sportgeräte nachbilden wollen. Die historische Wirkung wollen wir tunlichst vermeiden. Eine Schnittwaffe wird also auch mit Schnittbewegungen geführt, eine Hiebwaffe mit Hieben und eine Stichwaffe mit Stichen. Es kann Uneinigkeit darüber geben, was eine Waffe kann, dafür gibt es Regelwerke und experimentelle Archäologie, um solche Fragen zu klären. Das ist etwas für eine abendliche Diskussion, nicht für das Spielfeld. Die meisten von uns haben einen ästhetischen Anspruch an das Kämpfen und geben sich Mühe, auch die Bewegungsweise zu verfeinern. Dennoch scheut sich keiner anzuerkennen, wenn ein Treffer zu unserem Schutz auf eine sichere Weise ausgeführt wird, zum Beispiel bei einem Treffer von hinten, mit der flachen Seite. Wer sich nur Treffer mit der flachen Seite zutraut, soll das tun, so wie es das Regelwerk vorsieht. Dennoch wenden wir ein, dass es nicht der Führung der Waffen entspricht und mehr Training auch mehr Selbstvertrauen gibt. Ein gutes Vorbild zu sein ist da unser Weg um zu überzeugen.

Gebe der Waffe einen Weg!

Über die Jahre sind wir an vielen Orten vielen Kampfweisen begegnet und ich empfinde es als wunderlich, wer da auf welche Weise meint, die Empfindungen anderer besser beurteilen zu können als die Getroffenen selbst. Die Getroffenen entscheiden. Sicher wäre es schön andere von Entscheidungen zu überzeugen, die einem selbst besser gefallen. Dazu müssen wir aber eben überzeugen. Es gibt Menschen, die wählen den Weg der Gewalt, in dem Versuch zu überzeugen. Mehr Härte – hm – ein Pfad, dem langfristig kein Glück beschieden ist. Das Warum können die meisten schon bei kurzem Nachdenken schnell erkennen! Überzeugender ist, selbst ein gutes Vorbild zu sein; hilfreich ist auch ein gutes Gespräch. Einem schlechten Gespräch auszuweichen ist legitim; ich mache es auch so. Menschen zu fragen, wie sie etwas sehen, schadet nicht. Aber solch ein Gespräch ist wieder nichts für das Spielfeld. Bei uns gibt es zu all dem für das Spielfeld einfache soziale Regeln, die wir für uns selbst haben. Wenn dich etwas stört, mache das genau einmal kenntlich! Wenn es dir an beliebiger Stelle nicht gefällt – gehe! Rede nicht unnütz über das, was andere falsch machen!

Wer diskutiert, ist Tot!

Zu guter Letzt ist es dein Anspruch über den du entscheiden kannst, nicht über den der Anderen. Uns geht es um Kampfkunst und um ein gutes Spiel. Wundersamerweise macht uns dieser Anspruch auch zu guten Kämpfenden, die viel Freude am Fechten haben. Nachzuvollziehen, wie Treffer zustande gekommen sind, ob als Treffende oder Getroffene, ist in beiden Fällen hilfreich. Dazu gehört eine hohe Aufmerksamkeit und Erfahrung. Eine wesentliche Voraussetzung ist die Kondition, um das auch leisten zu können. Mit Kondition ist das allgemeine Leistungsvermögen gemeint, also unter anderem wie weit du rennen kannst, bevor dir die Luft wegbleibt. Denn wenn dir die Luft wegbleibt, bist du auch nicht konzentriert und kannst nicht sozial gut reagieren. Training hilft also!

Die Grundregel ist: Kondition sichert Konzentration und Konzentration den Sieg durch gutes Agieren.

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  • Zuletzt geändert: 2025-05-14 12:10
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